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Sieben ausgewählte "Snippets" aus den enthaltenen Geschichten.


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Sie kam aus der Gilde der Künstler; ihre Haut brachte
Schichten von Onamut hervor, schillernd wie Öl, und ihre
Stimme – oh ihre Stimme! – wie Meer, das dunkle Lieder
singt, wie schwarzes Flüstern, das einem den Rücken runterlief,
sobald sie zu einem sprach. Ilaine; selbst ihr Name war
das Gegenteil von mir: leicht, schön – wie sie.
Ich war nur ein Wühler, fettleibig und schwitzend, mit Maschinen als Händen, als
Augen und Ohren, als Lunge und als Herz.
Ein Arbeiter, zum Arbeiten gemacht.

[Aus: Der Wühler]

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"Mit dem Zwinkern eines Auges hole ich die ersten Datenpakete
ab, zerlege sie, fülle sie in mein Rechenregister, lasse
die logischen Operationen im Kopf durchlaufen, während ich
immer mehr in einen katatonischen Zustand verfalle – schnell
die Zeit und den Raum um mich herum vergesse. Fühle mich
leicht, wie schlafend; träume von silbernen Gleichungen, auf
denen Bilanzen als Güterzüge in die Finsternis rauschen, ein
endloser, ratternder Strom aus Zahlenkolonnen. Ich sitze an den
Gleisen und schaue ihnen nach, nicke, wenn sie am Horizont
verblassen."

[Aus: Gelée Royale]

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Sie fahren in einem der Särge, Lastkraftwagen ohne Fahrerkabine,
nur bestehend aus einem einzigen schwarzen Quader,
der Steuer- und Frachtraum enthält. Vier Achsen, acht Räder,
keine Fenster; Kameras übertragen die Außenansicht nach
innen. Hinten die Ladeluke.
»Heiß hier drin«, sagt Abbas zu Niiy; er reguliert den Kontrast
des Panoramabildschirms, um den Himmel besser betrachten
zu können: Rußpartikel streuen das Licht – ein Sonnenuntergang
in wässrigen Tönen, flaschengrün, die Wolken
oliv. Seitlich rauscht die Landschaft vorbei: vergiftete Wälder
und ein Industriepark, dann tote Windfarmen, Skelette einer
besseren Welt.

[Aus: Das Fest des Hammers ist der Schlag]

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Der Tod ist Maschinist, die Pest ist Chemiker geworden, und
wir Soldaten sind die Ratten, graben Schützengräben quer
durchs verstrahlte Vaterland, von Elsass-Lothringen bis zur
Elbe und weiter, hoch zum Skagerrak, auch östlich nach Sankt
Petersburg, der Blutpumpe des Zarenreichs, in der Hindenburg
sein Leben ließ, 1923. Bodennebel, es wird Nacht.
Ich setze meinen Bleistift ab.
Ein Artilleriegewitter rollt, jenseits des Flusses, dann Explosionen
wie Wetterleuchten, aber nur kleine Kaliber werden
verschossen, ich zähle die Einschläge – und wieder Stille; auch
der Franzmann ist leergeblutet, der Nachschub versiegt, als
sich Tommy und die Amis vom Schlachtfeld stahlen, um die
Kolonien allein unter sich aufzuteilen, während wir uns immer
noch gegenseitig zerfleischen.

[Aus: Imperium Germanicum]

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Regenverwölkter Himmel über dem Aerodrom, trauriges
Zwielicht kurz vor der Nacht.
Wie eine Oper war die Abschiedszeremonie in Szene gesetzt,
opulent und klanggewaltig, doch seltsam ausgehöhlt, zu
mechanisch, zu durchkomponiert, ohne Leidenschaft zusammengesetzt.
Ihre Webstuhl-Armeen hatten kilometerlange rote
Teppiche gewebt und hierhin ausgerollt: von den schwitzenden
Dampfstädten des Westens, zwischen den Schornsteinfeldern,
den ratternden Räderfabriken, den leeren Bühnen des Platzes
hindurch bis zum Walfisch, dem letzten großen Zeppelin, der
noch nicht gestartet war. Schweigend, fast lebendig, lag er da in
der Flughalle aus Kristallglas und Stahl, deren Kuppel sich halb
zu den Sternen öffnete: Orion, Wega und wie sie alle hießen.

[Aus: Exodus 1906 AD]

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Unser Künstlerviertel: bunt, doch die Häuser verfallen; Efeu
an den Mauern, Graffiti. Ein Windstoß bläst Zeitungsfolien
durch die Straßen.
Die Erinnerungen an den gemeinsamen Einzug hat Lena auf
Kristall abgespeichert; es stürmte heftig, das weiß ich noch;
grauer Regen, so schwer wie Blei. Mittlerweile ist es acht Jahre
her …
Ich sitze auf dem Balkon, rauche, trinke Pernod, schaue den
Flugzeugen nach, deren Kondensstreifen den Himmel ritzen.
Stelle mir vor, dass es Raumschiffe sind, die zu fremden Planeten
aufbrechen, und keine Kampfringe, Spielhöllen oder
Kinderbordelle, in denen die globalen Gesetze nicht greifen.
Wieder schwermütig; ich nehme mein Glas, nippe daran.
Von oben her schallt Musik.

[Aus: Das Bild im leeren Rahmen]

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Der Händler sog Luft durch die Zähne. »Mord? Wir sind ein
seriöses Geschäft, so etwas können Sie hier nicht tauschen.
Erinnerungen an Bücher, an Filme, die unsere Regierung
vernichten ließ, das nehmen wir gerne. Sonnenuntergänge,
Erinnerungen an Tiere und Pflanzen. Ein Picknick im Wald.
Haben Sie solche Fragmente?«
»Nein«, antwortete das Mädchen traurig, und ihre Augen
schillerten in tausend Farben. »Oh, ich hatte mal einen
Hund.«
»Einen Hund? Dafür gibt es Sammler. Welche Rasse?«
»Weiß ich nicht. Er hatte ein königsblaues Fell.«
Der Händler winkte ab. »Keine Schöpfungen, tut mir leid.«

[Aus: Memories]

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